Ein Point & Click-Nerd in einer Welt voll Egoshootern – The Silent Age

von Ein Münchner

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The Silent Age ist ein Adventure, das grade durch die Decke geht. Auf Metacritic mit einer Wertung von 84. Die Abrufzahlen auf IOS und Android sind wohl nicht schlecht (dort ist es kostenlos) und auch die Verkaufszahlen auf Steam scheinen sich zu machen. Wenn ein Point & Click hin der heutigen Zeit von sich reden macht, hat das verschiedene Gründe: Mal ist es das bizarre Design wie bei Fran Bow, mal sind es einfach gelungene Rätsel und Kombinierspielchen, meistens jedoch eine »einzigartige« Story.

Ich persönlich bin mit Adventures aufgewachsen, die versucht haben alles davon zu bieten. Die Monkey Island-Reihe spiele ich auch heute noch alle Jahre wieder komplett durch. Der Humor ist fantastisch und die Rätsel sind schwer. Die Aufgaben fordern und trotzdem verzweifelt man als Erstspieler eher selten. Ebenso begeistert hat mich damals Myst, Riven, eben die tollen Spiele aus der Myst-Reihe. Mit ernsterem Unterton verlangen sie vom Spieler sehr viel Denkarbeit. Oftmals kommt man nur weiter, wenn man sich Notizen macht, die man erst drei Inseln weiter vielleicht wieder braucht. DAS meine Freunde, ist Knobelarbeit.

Nun bin ich Videospieltechnisch zwar 2016 angekommen, Shooter, Action-Adventure, Indie-Games soweit das Auge reicht. Fortsetzungen und Reboots – Manche gut, manche schlecht. Aber was Point & Clicks angeht, hab‘ ich seit mehr als einem Jahrzehnt kein wirkliches Hochgefühl mehr bekommen. Daher versuche ich jedes mitzunehmen, dass sich mir in den Weg wirft. Und spaßige, gruselige, spielenswerte waren definitiv dabei. Nur keine fordernden. Als dann Silent Age von Community und Presse als »fordernd«, »ein Muss für jeden Sci-Fi- und Adventure-Fan« und sogar als »Revival des Genres« beschrieben wurde, hatte ich schon einige Hoffnungen draufgesetzt. (Dummes, dummes ich, sollte ich es nicht besser wissen?)

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Willkommen in der Zukunft

 

Doch dann kam die bittere Enttäuschung. Versteht mich nicht falsch, es ist kein schlechtes Spiel. Es hat eine Interessante Story, auch wenn sie nicht neu, tiefgründig oder weltbewegend ist, es hat einen interessanten Kniff mit der Zeitmaschine (auch wenn Fran Bow genau das gleiche mit Pillen macht), der Hauptdarsteller versucht witzige Sprüche abzulassen, schräge Nebencharaktere lockern die Handlung auf und eine tolle englische Vertonung hat es auch, aber es ist nicht fordernd.

Es ist sogar alles andere als fordernd. Ich habe dieses Spiel nicht ganz drei Stunden an einem Stück durchgespielt und in dieser Zeit kam es EINMAL vor, dass ich nicht sofort wusste was zu tun ist. Und das lag daran, dass ich beim Absuchen des Bildschirms eine Ecke mit Dreck übersehen hatte. Das ganze Spiel bin ich zielsicher, linear von einem Handlungspunkt zum nächsten gelaufen, ohne einmal überlegen zu müssen, was der nächste Schritt sein könnte. Meist findet man den Gegenstand den man zum Weiterkommen braucht auch noch direkt neben dem zu überwindenden Hindernis. Das kann doch nicht euer Ernst sein? Besteht die Community wirklich nur aus 13-Jährigen Call of Duty Spielern die nicht wissen, was fordernd bedeutet? Jungen, unwissenden Spielern die noch nie ein richtiges Point & Click Adventure gespielt haben? Leuten die nicht mal Pong ohne Komplettlösung angehen würden?

Das Spiel ist so wenig anspruchsvoll, ich hätte mir die Geschichte als Buch, oder Telltale-mäßiges Entscheidungsspiel zu Gemüte führen können und es hätte nichts geändert. Vielleicht hätte ich mir die langsamen Laufwege gespart, die mich nur von einer Ecke des Bildschirms zur nächsten scheuchen, aber nichts außer Geduld abverlangen, weil ich zu jedem Zeitpunkt exakt wusste, was der nächste Schritt war. Und jetzt versteht mich nicht falsch. Ich mag keine unsagbar schweren (à la Darksouls) oder gar unfaire Games. Auch nicht welche in denen ich hochwissenschaftliche Denkprozesse ausführen muss, jedoch etwas mehr als neanderthalermäßiges »hier Kreuzschlüssel – da kaputter Reifen« sollte doch bitte drin sein.

Liebe Spielemacher, wenn ihr das nächste Mal eine Story an den Mann bringen wollt, bitte presst sie nicht in ein Genre, von dem ihr denkt, dass es gut dazu passt und umspinnt es dann mit lieblosen »Aufgaben«. Schreibt einfach ein Buch. Ich lese gern. Setzt mich auf den Newsletter, ich werde auch genauso viel dafür zahlen wie für das Steam-Spiel. Nur bitte, bitte erspart mir die Zeit und die Enttäuschung lieblos zusammengeschusterte Point & Click-Suchspielchen zu lösen. Ich bin keine fünf mehr und habe kein Herz für Wimmelbildspiele.

Das sehen jetzt sicher viele Leute anders. Aber tut es doch einmal, für mich.

 

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