Grantln über Grantler

von Ein Münchner

Ich komme aus München. Und da ich noch relativ jung bin, kenne ich auch viele junge Leute in München, die nicht aus München kommen. Und ob sie diese Stadt jetzt lieben, oder nur als Mittel zum Zweck für Karriere/Schule/Studium/was auch immer sehen, eines haben sie alle gemein, die von Außerhalb: Sie finden München und Münchner mürrisch und wenig gastfreundlich. Von der Mittagstischbedienung im Dirndl bis zur knapp bekleideten Barkeeperin im Club, alle seien engstirnig und wenig zuvorkommend. Es sei schwer Bekanntschaften zu schließen, alle sind immer irgendwie schlecht drauf und schwer zugänglich, alle Münchner sind wahnsinnig von IHREM München überzeugt und wollen gar nicht hören, dass es in deiner Heimatstadt viel schöner ist. Ja, so sehen sie uns, die von Außerhalb.

Und wisst ihr was, die haben Recht! Ein Stück weit zumindest. Es ist schön hier. Der Englische Garten bietet im Sommer allerhand Freizeitaktivitäten vom Rumhängen übers Surfen bis hin zum Sonnenbaden. An der Isar kann man grillen und Angler beobachten, schwimmen und wenn das Wetter es zulässt wieder sonnenbaden. Am Viktualienmarkt es ist gemütlich wenn man eine Halbe trinkt oder auch nur teures, qualitativ hochwertiges Grünzeug aus der Region kauft. Wir haben Weltweit das beste Bier, und auch wenn das Geschmackssache ist, untermauern Hofbräuhäuser auf der ganzen Welt diese Theorie. Man weiß was man kriegt und nicht nur an physischen Gütern, sondern auch an Leuten. Klischees kommen ja meist irgendwo her. Also warum sollen wir uns von Auswertigen anhören, dass es bei ihnen viel schöner ist. Es möchte doch wirklich niemand, dass man in seine Heimatstadt geht und sagt: „Also bei mir ist’s vieeel toller. Da ist es sauberer und die Leute sind viel sympathischer als hier“. Dann geh doch wieder dahin zurück du Berliner, Kölner, Münchner. Da werden alle die ihre Heimat mögen leicht zum Grantler. Lokalpatriotismus hin oder her, wenn man sich wo wohlfühlt, dann darf man auch mal grantln, wenn andere kommen und sich beschweren.

Aber es stimmt ja, auch wenn niemand sonst meckert, dann meckern wir Münchner gern. Auch wenn alles gut ist, muss man über irgendwas grantln. Bestes Beispiel hierfür ist die Hofbräu-Werbung die bei uns in den Kinos läuft. Wo ein klassischer Münchner durch München läuft und sich über alles beschwert was für München steht. Vor allem die schönen Dinge und am Ende steht der Satz „Minga, du machst mi fertig“. Als ich sie das erste Mal gesehen hab, dachte ich mir: Muss man jetzt wirklich aus diesem Klischee auch noch Werbung machen. Reicht es nicht, dass uns alle so sehen, muss man da jetzt auch noch drauf rumreiten. Dieser alte Grantler hat mich genervt und die Einstellung die er verbreitet, ich hätte mich endlos beschweren können.

Aber die Werbung ist mehrteilig (alle Spots gibt’s hier) und ich muss sagen von Spot zu Spot gefiel sie mir mehr (mein Lieblings-Spot ist übrigens der Viktualienmarkt). Wieso? Weil sie recht hat (meine Reaktion ist wohl der beste Beweis dafür). Sie zeigt auf selbstironische Weise was Auswertige an den Münchner Grantlern so stört und gleichzeitig zeigt sie auch was wir an uns und an München lieben. Nur weil wir ein Volk von Grantlern sind, die nach außen hin mürrisch und unzufrieden wirken, heißt das nicht, dass wir das Leben nicht genießen.

Im Gegenteil. Sehr passend beschreibt das der Auszug aus dem Duden Bairisch-Hochdeutsch:

granddl2.1

Das Gemecker ist also keineswegs Ausdruck von Hass und Abneigung allem und jedem Fremden und Neuen gegenüber, sondern ein von vielen Missverstandener Ausdruck der Münchner Gemütlichkeit und ich-mag-es-wie-es-ist-Mentalität.

Wer es noch immer nicht versteht, dem Empfehle ich zur Wiesnzeit München TV zu schauen (auch als Livestream unter muenchen.tv). Wo sich die Schiederin und der Onken gegenseitig, ihre Gäste, die Schausteller, Austeller, Wiesnwirte, einfach alle eben 16 Tage lang hänseln, necken, anzicken, anhimmeln und am Ende immer wahnsinnig gern haben – Kurz gesagt eben angrantln. Der wer den Kern des Grantlns verstehen will, der sollte sich nicht nur immer und immer wieder die Hofbräu-Werbungen ansehen, sondern vielleicht (ob Fan der Festzeltkultur oder nicht), meine Helden des Lokalfernsehens verinnerlichen.

Denn im Gegensatz zur Shitstorm-Gesellschafft im Internet, die sich viel zu oft mehr schlecht als recht „allgemeine Meinung“ schimpft, hat das Münchner Grantln mehr Charme und Kultur als man zunächst vermuten mag.

Abschließend möchte ich noch mal zur eingangs erwähnten Disco-Barkeeperin kommen… Ja, die will wirklich nur euer Geld, ist nicht zum Flirten aufgelegt und eine doofe Zicke vor dem Herrn. Tut mir leid, daran findet man auch als gemütlicher Grantler keinen Gefallen.

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