Grantlbert

Zeit zum Meckern – Granteln über was mich bewegt

Monat: September, 2014

5 Gründe warum es Spaß macht 5 Minuten zu Fuß von der Wiesn zu wohnen

Zur Wiesnzeit häufen sich die Berichte übers Komasaufen schon am Vormittag. Websites wie muenchenkotzt.de propagieren das vermeintlich wahre Gesicht des Oktoberfests und die selbst von Pro7 liebevoll genannte „Kotzwiese“ wird zum Mekka für Schnappschussjäger. Ja, wenn man das alles so sieht, stehen zur Wiesnzeit für uns Münchner wohl die schrecklichsten 16 Tage im Jahr an. Für viele trifft das auch sicher zu. Vor allem die Alternativen, die Jungen, die Trachten- und Traditionshasser die viel lieber in Berlin als im spießigen München wohnen würden, übergeben sich zwischen Ende September und Anfang Oktober verbal, lautstark in öffentlichen Netzwerken – statt wie alle andern auf der Grünfläche hinterm Festzelt.

Mich persönlich lässt das jedoch kalt. Ich bin der Meinung, dass diese Ansicht der Wiesn genauso einseitig ist, wie die heutzutage weniger verbreitete Fraktion die das Oktoberfest ausschließlich als fröhliche Familienpilgerstätte sieht. Weil die schönen Seiten der Wiesn aber immer mehr untergehen, fühle ich mich verpflichtet euch meine fünf Hauptgründe zu nennen, warum ich ein Wiesnfan bin und seit Jahren liebend gern in Fußmarsch-Weite des Oktoberfests wohne.

1. Zuckerwattegeruch am Morgen!

„Alles stinkt nach Kotze, überall bappt der Boden wegam Bier, Wuidbiesler verbreiten den Geruch von Urin in der ganzen Stadt!“ Zur Wiesnzeit riecht München für die meisten Einheimischen wohl nicht sonderlich gut. Aber ich glaube, sie haben den Blick – besser die Nase – für die Kleinigkeiten verloren. Wenn ich morgens meine Haustür verlasse, rieche ich als erstes Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, Magenbrot und allerhand Süßigkeiten deren Geruch nur zu dieser besonderen Zeit im Jahr in der Luft hängt. Es ist als würde man in einem duftenden rosa Wolkenbett zur U-Bahn schweben. Das verhasste „überall stinkt’s nach Kotze“-Argument zieht für mich, als jemand der an der Poccistraße wohnt, ohnehin nicht. Mit allerhand Clubs und Bars in direkter Nähe zu meiner Wohnung werde ich auch unterm Jahr oftmals von Erbrochenen auf dem morgendlichen Weg zum öffentlichen Verkehrsmittel begrüßt.

2. Dirndl und Lederhosen!

„Mini-Drindl, Schlampen-Dirndl, PVC-Kostüme als Lederhosen und viel zu dürre Wadln!“ Trachtenhasser und Traditionsverfechter haben gleichermaßen viel zu schimpfen zur Wiesnzeit. Die Seite die man bei all dem Grantln gern übersieht: Selten sieht man so viele fesche Madln die zeigen was sie haben. Und Fakt ist: Ein zünftiges Dirndl, egal ob lang oder einen Tick zu kurz kleidet gut, kaschiert die ein oder andere Problemzone und setzt einen klaren Fokus. Dass der Blick in ein schönes Dirndl-Dekolleté oder auf den knackigen Oasch in der Lederhosn noch nie Freude bereitet hat, kann mir kein Wiesnhasser erzählen.

3. Das Essen!

Ich LIEBE das Wiesnessen. Haxensemmel, Steckerlfisch, Maiskolben, Magenbrot, Dampfnudeln, Hendl, glasierte Früchte, Entenbraterei, Riesenbrezen, gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, Bratwurstsemmeln… Das beste daran in der Nähe der Wiesn zu wohnen ist, dass ich einfach spontan hinüberflanieren kann, mir bei der Fischer-Vroni einen Steckerlfisch holen, gemütlich wieder nachhause spaziere. um ihn dann noch warm in meinen eigenen vier Wänden zu genießen. Man muss nicht jeden Gang aufs Oktoberfest als mehrstündiges bis ganztägiges, großes Besäufnis zelebrieren. Wieder predige ich: Genießt die kleinen Dinge!

4. Fahrgeschäfte!

Ich hab Spaß an Achterbahnen, High-Sky-Falls und anderen adrenalintreibenden Fahrgeschäften. Ich mag, dass ich zur Wiesnzeit nicht die 40 Minuten Autobahnfahrt bis in den nächsten Freizeitpark auf mich nehmen muss um das zu bekommen. Ich weiß aber auch, dass so eine Olympialoopingfahrt mit ihren 8 Euro bei weitem kein Schnäppchen ist. Daher rate ich: Beachtet die Traditionsgeschäfte. Der Flohzirkus ist wirklich keine große Sache, aber jeder der ein bisschen Kind im Herzen geblieben ist, will es doch einmal sehen. An der Hexen-Schaukel geht man immer vorbei, aber für seine 3 Euro Eintritt wird man auch nüchtern mit den simpelsten Mitteln 1000 mal besser unterhalten als wenn man Geld in viele der Großen und Neuen (wie dem Encounter oder der Odyssee) steckt. Denn dort wird man meist mit viel Pomp, Soundeffekten und Menschen in Kostümen schrecklich enttäuscht (glaubt mir, ich spreche aus eigener Erfahrung). Wem das Kettenkarussell zu langweilig ist, der kann’s auch einfach mal in 30 Metern Höhe versuchen. Auf die simplen Sachen kann man sich eben verlassen, die enttäuschen meist am wenigsten – selbst zu saftigen Wiesnpreisen.

5. Die Mittagswiesn!

Wenn man so nah an der Theresienwiese wohnt wie ich und außerdem gern lang schläft, ist es sehr angenehm, dass man zur Mittagswiesn nicht früh aufstehen muss. Vom Essen hab ich schon geschwärmt und auch wenn ich weder ein großer Biertrinker bin, noch mich zur Wiesn alkoholbedingt abschießen muss, ist die ein oder andere Radler-Maß ein Muss. Zelte sind mir meist zu Voll, zu Laut und zu anstrengend, da ich nicht bereits am frühen Mittag auf den Tischen tanzen und grölen muss. Aber eine zünftige Brotzeitplattn in den inzwischen meist beheizten Biergärten ist eine Wohltat für die Münchner-Seele. Also meine zumindest. Neben all den Betrunkenen Idioten macht man hier nämlich mit ein bisschen Glück die ein oder andere wirklich interessante Bekanntschaft und lernt mit ein bisschen mehr Glück sogar die „herzliche“ und „gastfreundliche“ Seite der Münchner kennen, die für viele da draußen wohl nur sagenumwobener Humbug ist.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich seit ich klein war von der Wiesn begeistert bin. Und auch seit ich nicht mehr auf Eltern angewiesen bin jede Gelegenheit die sich bietet für einen kurzen Abstecher nutze. Ich trinke auch unterm Jahr gerne, nutze die Wiesen aber nicht als Vorwand für ein Absturzbesäufnis. Ich schlendere gern Stunden die Wirts- und Schaustellerstraße auf und ab, habe aber noch nie einen Abstecher zur berüchtigten Wiese der Schandtaten gemacht. Ich Grüße die Bavaria gern von weitem, musste aber noch nie auf der Treppe davor ausnüchtern oder mich gar mit anderen Betrunkenen um einen der wenigen, nicht vollgereierten Plätze schlagen. Was ich damit sagen will: Wenn man die Wiesn als großes, widerwärtiges Massenbesäufnis ohne Sinn und Verstand sehen möchte, muss man sich große Mühe geben die schönen Seiten auszublenden. Mir persönlich macht es viel weniger Mühe, viele der hässlichen Seiten nicht zu zelebrieren.

In diesem Sinne: Auf eine friedliche Rest-Wiesn.

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Grantln über Grantler

Ich komme aus München. Und da ich noch relativ jung bin, kenne ich auch viele junge Leute in München, die nicht aus München kommen. Und ob sie diese Stadt jetzt lieben, oder nur als Mittel zum Zweck für Karriere/Schule/Studium/was auch immer sehen, eines haben sie alle gemein, die von Außerhalb: Sie finden München und Münchner mürrisch und wenig gastfreundlich. Von der Mittagstischbedienung im Dirndl bis zur knapp bekleideten Barkeeperin im Club, alle seien engstirnig und wenig zuvorkommend. Es sei schwer Bekanntschaften zu schließen, alle sind immer irgendwie schlecht drauf und schwer zugänglich, alle Münchner sind wahnsinnig von IHREM München überzeugt und wollen gar nicht hören, dass es in deiner Heimatstadt viel schöner ist. Ja, so sehen sie uns, die von Außerhalb.

Und wisst ihr was, die haben Recht! Ein Stück weit zumindest. Es ist schön hier. Der Englische Garten bietet im Sommer allerhand Freizeitaktivitäten vom Rumhängen übers Surfen bis hin zum Sonnenbaden. An der Isar kann man grillen und Angler beobachten, schwimmen und wenn das Wetter es zulässt wieder sonnenbaden. Am Viktualienmarkt es ist gemütlich wenn man eine Halbe trinkt oder auch nur teures, qualitativ hochwertiges Grünzeug aus der Region kauft. Wir haben Weltweit das beste Bier, und auch wenn das Geschmackssache ist, untermauern Hofbräuhäuser auf der ganzen Welt diese Theorie. Man weiß was man kriegt und nicht nur an physischen Gütern, sondern auch an Leuten. Klischees kommen ja meist irgendwo her. Also warum sollen wir uns von Auswertigen anhören, dass es bei ihnen viel schöner ist. Es möchte doch wirklich niemand, dass man in seine Heimatstadt geht und sagt: „Also bei mir ist’s vieeel toller. Da ist es sauberer und die Leute sind viel sympathischer als hier“. Dann geh doch wieder dahin zurück du Berliner, Kölner, Münchner. Da werden alle die ihre Heimat mögen leicht zum Grantler. Lokalpatriotismus hin oder her, wenn man sich wo wohlfühlt, dann darf man auch mal grantln, wenn andere kommen und sich beschweren.

Aber es stimmt ja, auch wenn niemand sonst meckert, dann meckern wir Münchner gern. Auch wenn alles gut ist, muss man über irgendwas grantln. Bestes Beispiel hierfür ist die Hofbräu-Werbung die bei uns in den Kinos läuft. Wo ein klassischer Münchner durch München läuft und sich über alles beschwert was für München steht. Vor allem die schönen Dinge und am Ende steht der Satz „Minga, du machst mi fertig“. Als ich sie das erste Mal gesehen hab, dachte ich mir: Muss man jetzt wirklich aus diesem Klischee auch noch Werbung machen. Reicht es nicht, dass uns alle so sehen, muss man da jetzt auch noch drauf rumreiten. Dieser alte Grantler hat mich genervt und die Einstellung die er verbreitet, ich hätte mich endlos beschweren können.

Aber die Werbung ist mehrteilig (alle Spots gibt’s hier) und ich muss sagen von Spot zu Spot gefiel sie mir mehr (mein Lieblings-Spot ist übrigens der Viktualienmarkt). Wieso? Weil sie recht hat (meine Reaktion ist wohl der beste Beweis dafür). Sie zeigt auf selbstironische Weise was Auswertige an den Münchner Grantlern so stört und gleichzeitig zeigt sie auch was wir an uns und an München lieben. Nur weil wir ein Volk von Grantlern sind, die nach außen hin mürrisch und unzufrieden wirken, heißt das nicht, dass wir das Leben nicht genießen.

Im Gegenteil. Sehr passend beschreibt das der Auszug aus dem Duden Bairisch-Hochdeutsch:

granddl2.1

Das Gemecker ist also keineswegs Ausdruck von Hass und Abneigung allem und jedem Fremden und Neuen gegenüber, sondern ein von vielen Missverstandener Ausdruck der Münchner Gemütlichkeit und ich-mag-es-wie-es-ist-Mentalität.

Wer es noch immer nicht versteht, dem Empfehle ich zur Wiesnzeit München TV zu schauen (auch als Livestream unter muenchen.tv). Wo sich die Schiederin und der Onken gegenseitig, ihre Gäste, die Schausteller, Austeller, Wiesnwirte, einfach alle eben 16 Tage lang hänseln, necken, anzicken, anhimmeln und am Ende immer wahnsinnig gern haben – Kurz gesagt eben angrantln. Der wer den Kern des Grantlns verstehen will, der sollte sich nicht nur immer und immer wieder die Hofbräu-Werbungen ansehen, sondern vielleicht (ob Fan der Festzeltkultur oder nicht), meine Helden des Lokalfernsehens verinnerlichen.

Denn im Gegensatz zur Shitstorm-Gesellschafft im Internet, die sich viel zu oft mehr schlecht als recht „allgemeine Meinung“ schimpft, hat das Münchner Grantln mehr Charme und Kultur als man zunächst vermuten mag.

Abschließend möchte ich noch mal zur eingangs erwähnten Disco-Barkeeperin kommen… Ja, die will wirklich nur euer Geld, ist nicht zum Flirten aufgelegt und eine doofe Zicke vor dem Herrn. Tut mir leid, daran findet man auch als gemütlicher Grantler keinen Gefallen.